Grafenblut – der 54. Fall aus der Leo-Schwartz-Krimireihe
1.
Ein Spätsommertag im September 2023
Graf Leopold von Mody genoss diesen Tag im Watzmann-Massiv. Heute nahm er sich das Hocheck vor, einen der drei Hauptgipfel mit einer Höhe von exakt 2.651 Metern. Während Leopold darüber nachdachte, stellte er sich die Frage, wer das gemessen hatte. Bestens gelaunt war er für seine Tour bereits um halb vier Uhr aufgestanden. Mit einem Lächeln sah er seine Frau Lilly an, die tief und fest schlief und dabei wie so oft schnarchte, auch wenn sie das vehement bestritt. Leopold schrieb ihr einen Zettel, auf dem das heutige Ziel stand, da er sich gestern Abend noch nicht entscheiden konnte, welche Route er heute nehmen wollte. Es ging nach Berchtesgaden und darauf freute er sich. Es war Jahre her, dass er das letzte Mal dort gewesen war. Ob sich dort irgendetwas verändert hatte? Vermutlich nicht. Das war einer der Punkte, weshalb er gerne in die Berge ging, denn dort war alles wie immer, schon seit Jahrtausenden.
Er ging in die Küche und schmierte zwei dicke Brote, nahm zwei Äpfel und eine Flasche Wasser. Mehr brauchte er nicht, da er sich im Watzmannhaus eine fette Brotzeit gönnen wollte.
Bevor Leopold das Haus verließ, warf er einen Blick in das Kinderzimmer, in dem Ferdinand und Marie-Antoinette schliefen. Leopold lächelte zufrieden, er war mit sich und seinem Leben im Reinen. Was war er nur für ein Glückspilz! Er stieg in seinen Geländewagen, den er für die Touren durch seine Wälder und Ländereien nutzte – und auch für seine Wandertouren. Der Rucksack stand immer auf der Rückbank bereit. Er brauchte nur die Wasserflasche und den Proviant dazugeben, dann war alles parat.
Die Fahrt von seiner Heimat Raubling nahe Rosenheim nach Berchtesgaden dauerte nur eine gute Stunde. Um die Zeit war wenig Verkehr, was ihm sehr angenehm war. Die Vorfreude stieg, als er über die Wimbachbrücke fuhr, denn von hier aus war es nicht mehr weit. Als Graf Leopold von Mody seinen Wagen abgestellt hatte, sah er sich um und freute sich – außer ihm war noch niemand hier. Er hasste die Menschenmassen, die sich auf den Berg quälten und dabei meckerten, jammerten und die Wanderwege verstopften und auch vermüllten. Sobald Leopold Papier, Folie oder sonstigen Müll fand, bückte er sich und steckte den Müll ein. Er hasste es, wenn die Natur nicht geschätzt wurde.
Leopold zog das Parkticket, nahm seinen Rucksack und lief los. Der Weg führte ihn rund drei Stunden auf einem gut ausgebauten Wanderweg sanft bergauf. Der Tag brach an, was ein Naturschauspiel zauberte, das er sehr genoss. Hier konnte er die Seele baumeln lassen und Kraft tanken. Immer wieder blieb er stehen und sah sich um. Das Bergsteigerdorf Ramsau war kaum mehr wahrzunehmen, der Parkplatz war schon lange nicht mehr zu sehen. Er war gut vorangekommen. Nicht mehr lange, und er war am Watzmannhaus, wo es die verdiente Brotzeit gab. Danach ging es in die alpine Region, in den Steig hinauf aufs Hocheck. Leopold freute sich wahnsinnig darauf. Er hoffte, dass das in diesem Jahr nicht die letzte Tour für ihn war. Dieses Jahr ging wieder viel zu schnell vorbei. Je älter er wurde, desto schneller raste die Zeit.
Als Leopold im Watzmannhaus ankam, wurden die Tische gerade erst eingedeckt. Zum Glück war der Wirt um die Uhrzeit nicht gesprächig, was Leopold sehr entgegenkam, denn auch hier wollte er seine Ruhe haben. Die Sicht war atemberaubend. Leopold genoss die Brotzeit, legte einen Geldschein auf den Tisch, wobei er dem Wirt ein Zeichen gab, der daraufhin nur nickte. Leopold nahm seinen Rucksack und dann ging es weiter. Er durfte nicht lange trödeln, denn es lag noch sehr viel Wegstrecke vor ihm, die nicht ungefährlich war. Außerdem war die Gefahr groß, dass sich immer mehr Menschen auf den Weg machten, die seine Ruhe störten.
Leopold lief weiter. Ruhig und bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Auch jetzt war er wieder allein auf dem Weg. Er drehte sich um und sah einige Wanderer, die schwatzend das Watzmannhaus erreichten. Erkennen konnte er sie nicht, dafür war er schon zu weit weg. Lächelnd setzte er seinen Weg fort. Das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt.
Während er so lief, kam ihm die Sage des grausamen Königs und dessen göttliche Strafe in den Sinn, der der Watzmann in den Berchtesgadener Alpen seine Form verdankt. Wie ging die Sage noch? Leopolds Vater liebte diese schaurigen Geschichten, die er seinen Söhnen gerne erzählte, um sie zu erschrecken. Die Stimme seines Vaters war in der Einsamkeit der Berge präsent und er erinnerte sich fast wörtlich an diese Sage: Einst herrschte ein König namens Watzmann über das Land. Er war brutal zu allen und kannte kein Erbarmen. Seine größte Freude war die Jagd mit wilden Hunden. Die Familie des Königs war nicht viel besser, ihre Charaktere ähnelten sich. Der König und seine Familie quälten und töteten Menschen und Tiere nur zum Spaß. Eines Tages ritt der König über eine Weide und zertrampelte eine ganze Bauernfamilie. Eine alte Frau schickte daraufhin einen Fluch zum Himmel. Die Erde bebte, Feuer sprühte und ein Sturm zog auf. Der König, seine Frau und die Kinder erstarrten zu Stein. Die Felsen spiegeln die Sage bis heute wider. Der Große Watzmann stellt den König dar. Der Kleine Watzmann wird als die Watzmannfrau bezeichnet, die kleineren Zacken dazwischen gelten als die Watzmannkinder.
Abgelenkt von dieser Sage und den Erinnerungen an seinen Vater und die Kindheit, nahm er die Schritte hinter sich nicht sofort wahr. Er war doch nicht so allein, wie er es gerne hätte! Er drehte sich um und erkannte etwa zwanzig Meter hinter sich einen Mann, der mit einem großen Hut und gesenktem Kopf lief. Ein Wanderer, wie es hier viele gab. Leopold fand schnell wieder in seinen Rhythmus und lief weiter. Die Watzmann-Sage war vergessen. Der fremde Wanderer kam näher und näher. Für Leopolds Empfinden lief der Mann viel zu schnell. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Wieder einer dieser Amateure, die ihre Kräfte falsch einschätzten und irgendwann Probleme bekamen. Der Mann war jetzt nur noch ein paar Meter hinter ihm, was er nicht nur an den Schritten, sondern am schweren Atem wahrnahm, der immer lauter wurde. Leopold entschied, den Mann vorbeizulassen, wofür er sich zur Steilwand drehte, um den Mann nicht grüßen zu müssen. Er wollte allein sein und war froh, mit niemandem reden zu müssen. Er nahm sein Handy aus der Tasche und tat so, als würde er telefonieren, was immer funktionierte. Leopold wartete darauf, dass der Mann vorbeiging, aber nichts geschah. Was war hier los? Die Schritte waren nicht mehr zu hören, dafür aber der laute Atem. Leopold wollte sich umdrehen, um nachzusehen, was los war. Noch in der Bewegung wurde er heftig geschlagen, wodurch er sein Smartphone fallen ließ, das dann den Abhang hinunterfiel. Leopold verlor das Gleichgewicht und bekam einen heftigen Stoß, der ihn straucheln ließ. Leopold wollte schreien oder irgendwie reagieren, aber er hatte keine Chance dazu, dafür ging alles viel zu schnell. Der Mann zog an seinem Rucksack, drehte Leopold somit in die andere Richtung und gab ihm heftige Tritte, die schmerzhaft waren. Dann versetzte ihm der Mann den finalen Stoß, dem Leopold nichts entgegensetzen konnte. Den Sturz den Abhang hinunter konnte er nicht aufhalten. Leopolds Körper schlug mehrfach auf den Felsen auf, bis er dann irgendwann liegen blieb. Diesen Sturz überlebte er nicht, schon beim ersten Aufprall brach sein Genick.
Der Watzmann nahm sich sein nächstes Opfer. Auch wenn es sich um ein Verbrechen handelte, zählte jede Seele, die im Berg blieb.
Als Leopold am Abend nicht wie vereinbart zurück war und Lilly ihn auch telefonisch nicht erreichen konnte, informierte sie die Polizei. Die wiegelte ab und bat darum, noch abzuwarten.
„Vielleicht ist Ihr Mann irgendwo aufgehalten worden oder eingekehrt. Vielleicht ist der Akku des Handys leer und Sie können ihn deshalb nicht erreichen. Der taucht schon noch auf, Frau Gräfin.“
„Sie kennen meinen Mann nicht, er ist immer zuverlässig. Er würde nie irgendwo einkehren, ohne mir Bescheid zu sagen. Und dass der Akku des Handys leer ist, ist noch nie vorgekommen. Seit wir Kinder haben, achtet mein Mann penibel darauf, dass er immer erreichbar ist. Da muss etwas passiert sein.“
„Beruhigen Sie sich, er taucht irgendwann schon noch auf.“
Lilly gab sich mit dieser Reaktion nicht zufrieden. Sie spürte, dass etwas passiert sein musste und gab nicht auf. Sie rief bei der Bergwacht in Berchtesgaden an und sprach mit einem, der sie zum Glück ernst nahm.
„Wenn er noch im Berg ist, steht sein Auto noch auf dem Parkplatz. Das überprüfen wir, ich rufe Sie gleich zurück.“
Als der Wagen tatsächlich gefunden wurde, wurden die Rettungsmaßnahmen eingeleitet. Dass es dafür um diese Uhrzeit schon sehr spät war und die Sichtverhältnisse nicht ideal waren, war allen klar. Ein Wanderer wurde vermisst und man gab alles, um ihn zu finden. Der Hubschrauber stieg auf. Die Handyortung führte zu nichts, da dort, wo das Handy gefunden wurde, weit und breit niemand zu sehen war. Irgendwann war es zu dunkel und die Suche wurde am nächsten Tag fortgeführt. Am darauffolgenden Tag stieg der Hubschrauber erneut auf, zusätzlich machte sich eine Gruppe der Bergwacht auf den Weg. Der Wirt des Watzmannhauses konnte sich gut an den schweigsamen Mann erinnern. Auch daran, dass er den Weg nach oben nahm.
Nach einigen Stunden wurde die Leiche endlich gefunden.
Als Lilly die Todesnachricht ihres Mannes überbracht wurde, brach sie zusammen. Auch wenn sie bereits mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, zog ihr die brutale Wahrheit die Füße weg. Dass es sich bei dem Tod um einen schrecklichen Unfall handelte, stand für alle Beteiligten außer Frage. Niemand ordnete eine Obduktion an, da es keine Zweifel an der Todesursache gab. Es war ein Unfall in den Bergen, wie es viele andere auch gab. Dass dieser tödlich endete, schockierte alle, aber man nahm das als Schicksal hin. Nur Lilly glaubte nicht an einen Unfall. Sie unternahm alles, damit die Polizei den Vorfall als mutmaßliches Verbrechen ansah und die Ermittlungen aufnahm, aber niemand glaubte ihr.
Leopold von Mody wurde vier Tage später in der Familiengruft beigesetzt. Die berührende Beerdigungszeremonie mit der jungen Witwe und den viel zu kleinen Kindern ging vielen nahe. Die Beerdigung und der Tod des Grafen waren in dem kleinen Ort Raubling viele Wochen lang Tagesgespräch. Man hielt hier zwar nicht viel vom Adel an sich, aber die Familie von Mody gehörte dazu und man trauerte mit der jungen Familie.
Mit einem Schlag war das bisherige Leben von Elisabeth von Mody, die alle nur Lilly nannten, vorbei. Sie war jetzt die Herrin des Hauses von Mody, was sehr viel Arbeit und Verantwortung mit sich brachte – und was nicht von allen gern gesehen wurde.
…






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