Adelas Erbe – Der 53. Fall aus der Leo-Schwartz-Krimireihe
1.
Ein Bauernhaus in Sturba nahe Livno, ehemaliges Jugoslawien, November 1995
Der Vater der vierköpfigen Familie Mekić hörte die kleine Horde Männer, noch bevor er sie sah. Seine Frau war bei dem Neugeborenen im Haus, die Tochter saß unter dem Zwetschgenbaum und spielte. Dragan Mekić wurde schlecht. Erst vorgestern erfuhr er von einem entfernten Verwandten, dass sich versprengte Gruppen in der Gegend herumtrieben, die plünderten, brandschatzten und alles zerstörten, was sie in die Finger bekamen. Es ging sogar das Gerücht um, dass Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. Wann war dieser Wahnsinn endlich vorbei? Dragan sprach ein kurzes Gebet. Er bat darum, dass sein Hof, seine Familie verschont wurden. Aber danach sah es nicht aus, denn die Männer kamen dem Hof näher. Dragan musste sofort reagieren. Er rannte ins Haus und sah seine Frau an, die ihren Neugeborenen erschöpft, aber glücklich ansah. Als sie den Gesichtsausdruck ihres Mannes sah, ahnte sie nichts Gutes.
„Männer nähern sich“, sagte Dragan. Er sprach sehr leise, aber seine Worte klangen hart und bedrohlich.
„Soldaten?“
Dragan nickte. Seine Frau Mahira kannte die Gerüchte.
„Der Krieg ist doch zu Ende.“
„Auf dem Papier. In den Köpfen vieler Menschen ist das noch nicht angekommen. Wir müssen weg, Mahira. Wir suchen Schutz in den Bergen, bis der Wahnsinn endlich vorbei ist. Wir gehen zur Hütte meines Vaters, dort sind wir sicher.“
„Wie soll das gehen? Ich bin zu schwach, der Kleine ist noch keine zwanzig Stunden alt. Wir haben keinen Wagen, der wurde uns genommen. Wir müssen zu Fuß gehen, aber das schaffe ich nicht.“
„Ich kann dich tragen, mein Engel.“
„Sei vernünftig, Dragan, das schaffen wir niemals. Der Kleine und ich sind eine große Last, mit uns beiden kommen wir kaum vorwärts.“
Mahira war wie immer vernünftig. Sie erkannte auch jetzt die Lage und sprach die Wahrheit aus, die Dragan so nicht hören wollte. Dragan war verzweifelt. Er suchte dringend nach einer Lösung, während er immer wieder ans Fenster rannte. Es blieb nicht viel Zeit, vielleicht nur noch eine Stunde.
Mahira spürte die Verzweiflung. Sie sah ihren Sohn an und wurde dann sehr ernst.
„Nimm unsere Tochter und bringt euch in Sicherheit.“
„Bist du verrückt geworden? Ich kann euch doch nicht zurücklassen! Diese Männer werden euch töten, nachdem sie dir Schlimmes angetan haben. Wir gehen gemeinsam oder wir bleiben alle!“
„Nein, Dragan. Ihr beide habt eine Chance, mit uns beiden haben wir alle vier keine Chance. Geht! Ich flehe dich an! Du weißt, dass ich recht habe, das habe ich immer“, versuchte Mahira zu lächeln, auch wenn ihr das sehr schwer fiel. „Bitte geht. Wir hatten bisher so viel Glück im Leben und dieses Glück wird uns auch diesmal nicht verlassen, ich glaube fest daran.“
„Ich bin einverstanden, auch wenn ich das nicht gutheiße. Ihr beide geht in das Versteck, dort seid ihr sicher.“
„Eine sehr gute Idee, so machen wir es. Du wirst sehen. Nur ein, zwei Tage und der ganze Wahnsinn ist vorbei. Dann kommt ihr zurück und alles wird wieder gut.“
Dragan half seiner Frau aufzustehen und brachte sie in den Keller, wo er zu Anfang des Krieges eine Zwischenwand eingezogen hatte. Er holte eine Matratze und Decken, dazu einige Flaschen Wasser, Brot und Käse. Nur ein kleines Stück Speck für sich und seine Tochter behielt er. Er konnte sich um Nahrung kümmern, Mahira aber nicht. Dragan küsste beide wieder und wieder.
„Du verlierst zu viel Zeit, ihr müsst gehen“, lächelte Mahira gequält. Dann nahm sie ihre Kette mit dem Medaillon ab. „Sollten wir nicht mehr sein, gib das meiner kleinen Adela. Mach dir um uns keine Sorgen, wir kommen zurecht. Wenn die Männer hier niemanden finden, werden sie wieder gehen. Passt auf euch auf. Und jetzt schließ endlich die Tür.“
„Wir kommen so schnell wie möglich zurück, dann ist der Albtraum endlich vorbei und wir können in Frieden leben.“
Dragan steckte die Kette ein, schloss die Tür und drehte den Schlüssel des Schlosses. Rasch stapelte er Kisten, Teppiche und Kanister vor die Tür, bis sie als solche nicht mehr zu erkennen war. Zur Sicherheit holte er vom Nebenraum noch zwei Fässer, die sehr schwer waren. Hier kam niemand rein, das war klar. Mit Tränen in den Augen rannte er nach oben, schloss die Kellertür, steckte den Speck in die Tasche und lief nach draußen. Ohne ein Wort der Erklärung nahm er seine Tochter auf den Arm und lief los. Die Stimmen der Männer waren schon sehr nah, sie waren nur noch wenige Minuten entfernt. Dragan lief zu dem kleinen Bach, wo es dichte Büsche gab. Hier verschanzte er sich, wobei er der Tochter den Mund zuhielt. Wütend musste er mit ansehen, wie die Männer das Haus betraten, wo seine Frau und der Sohn versteckt waren. Wer die Männer waren, interessierte Dragan nicht. Er war kein Freund des Krieges, befand ihn als überflüssig und falsch. Aber er war einer derjenigen, die die Entscheidungen der Regierung mittragen und dulden musste. Was hätte er tun sollen? Dragan machte immer alles, um seine Familie zu beschützen, die er vor Ausbruch des Krieges gegründet hatte. Das kleine Haus mit den 2 Hektar Grund bekam er günstig, trotzdem waren darauf noch jede Menge Schulden, für deren Bezahlung er noch Jahre brauchte. Dragan selbst hatte im Krieg gedient. Und was er da erlebte, würde ihn bis an sein Lebensende begleiten. Er hatte gesehen, wie sich normale Menschen in Bestien verwandelten, die keine Gnade und kein Mitgefühl kannten. Viele der Opfer hatten mit dem Krieg selbst oft nichts zu tun, sie waren schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort. Es gab Erschießungen, unter denen nicht selten auch Alte, Frauen und sogar Kinder waren. Deren Gesichter und viele der verstümmelten Leichen würde Dragan niemals vergessen. Seiner Mahira hatte er von all dem nichts erzählt, er wollte sie damit nicht belasten. Es reichte, dass er damit leben musste. Eigentlich dachte er, dass das alles hinter ihm lag, aber das war falsch. Diese Männer, die sich jetzt in seinem Haus befanden, waren versprengte Soldaten, die ihren Weg noch nicht fanden und die oft mit dem Ende des Krieges nicht einverstanden waren. Aber deren Leben kümmerte Dragan nicht. Er war nur für seine Familie und für sich selbst verantwortlich. Für Mahira und den kleinen Amar konnte er nichts tun, aber er konnte seine Tochter retten. Er sah in die braunen Augen der kleinen Adela, die ihn ängstlich ansahen. Dragan nahm seine Hand von ihrem Mund.
„Sei leise, ja? Wenn wir miteinander sprechen, dann nur ganz leise. Wir müssen laufen, meine Kleine. Sobald wir jemanden sehen, werden wir uns verstecken. Hast du mich verstanden?“ Dragan sprach so ruhig wie möglich, auch wenn er innerlich völlig aufgewühlt war. „Ich werde dir später alles erklären, aber jetzt haben wir keine Zeit. Du machst, was ich dir sage, verstanden?“
Adela nickte. Die sechsjährige war sehr klug für ihr Alter. Da die örtliche Schule noch nicht geöffnet wurde, unterrichtete Dragan sie selbst. Sie konnte einige Worte schreiben, aber noch besser konnte sie lesen. Jeden Abend las ihr Dragan Geschichten vor, die Adela förmlich aufsog. Sie interessierte sich für Tiere, Pflanzen und die Sterne des Himmels. Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus, auf die Dragan aber nicht immer Antworten fand. Er konnte auch jetzt die Fragen in Adelas Augen lesen. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Nein, die war nichts für ein kleines Mädchen, deren Leben erst angefangen hatte.
Dragan nahm die Hand seiner Tochter und lief los. Sie konnte gut schritthalten, aber irgendwann waren ihre Kräfte am Ende. Dragan trug sie. Immer wieder drehten sich die beiden um, irgendwann war ihr Haus nicht mehr zu sehen. Ihnen begegneten unterwegs nur wenige Menschen. Auch wenn sie nicht wussten, ob sie Freund oder Feind waren, entschied Dragan, dass sie sich immer verstecken mussten. Adela stellte keine Fragen. Sie war stumm und folgte den Anweisungen des Vaters. Spürte sie, in welcher Situation sie sich befanden und dass es um Leben und Tod ging?
Es war längst dunkel, als Dragan endlich entschied, Rast zu machen. Er zog den Speck und sein Taschenmesser aus seiner Jackentasche und schnitt kleine Stücke ab. Beide aßen schweigend.
„Wir werden hier schlafen. Morgen gehen wir sehr früh weiter. Die Berge sind nicht mehr weit, dort sind wir sicher.“
„Warum gehen wir in die Berge?“
„Das erkläre ich dir später.“
„Wo genau gehen wir hin?“
„Es gibt eine Hütte, in der ich früher mit meinen Eltern war, als ich so alt war wie du.“ Dragan lächelte, auch wenn ihm nicht danach zumute war. Ausführlich erzählte er von den vielen Erlebnissen in den Bergen. Diese Geschichten waren ihm sehr viel lieber als die harte Wahrheit. Adela hing an seinen Lippen, bis ihr endlich die Augen zufielen. Dragan konnte jetzt endlich weinen und seinen Gefühlen freien Lauf lassen, vor Adela traute er sich das nicht. Er musste für seine Tochter stark sein. Die Geschichten von früher hatten ihm ordentlich zugesetzt. Mit der jetzigen Situation bekamen diese Erinnerungen einen Beigeschmack, der nie wieder zu korrigieren war. Auch das hatte ihm der Krieg also genommen.
Dragan hatte aus Laub ein Lager für seine Tochter gemacht, auf dem sie jetzt lag. Er deckte sie mit seiner Jacke zu. Er selbst würde nicht schlafen können. Er musste die Augen aufhalten und versuchen, jegliche Gefahr abzuwenden. Zur Verteidigung hatte er nur das kleine Taschenmesser und seine Fäuste, mehr nicht. Seit Wochen befand sich seine Heimat in einer Lage, die er schrecklich fand. Überall schien Willkür, Gewalt und Brutalität zu herrschen. Jeden Tag gab es neue Gesetze und Vorschriften, die die Bevölkerung verunsicherten. Nein, die Zeiten waren noch nie so schlecht wie in den vergangenen Jahren. Wenn er es wagen würde, würde er laut aussprechen wollen, dass die Menschheit verrückt geworden war, aber er traute sich nicht. Jederzeit und überall musste man mit allem rechnen. Schon allein deswegen verzichtete er auf ein wärmendes Feuer, auch wenn die Nacht sehr kalt werden würde. Da Adela sichtlich fror, nahm er sie ganz dicht an sich und wärmte sie.
„Was ist mit Mama und Amar? Warum sind sie nicht hier?“
Dragan war enttäuscht, die Kleine schlief doch noch nicht.
„Mach dir um die beiden keine Sorgen, ihnen geht es gut.“
„Aber die fremden Männer sind im Haus.“
„Mama und Amar sind in Sicherheit, ihnen wird nichts geschehen. Du glaubst mir doch, oder?“
Adela kuschelte sich ganz nah an ihren Vater. Der spürte ihren kleinen, zarten Körper.
„Erzählst du mir nochmal von den Bergen?“
Auch wenn es ihm sehr schwerfiel, musste sich Dragan ein weiteres Mal an die glückliche Kindheit erinnern. Am liebsten würde er das Kapitel endlich vergessen und irgendwann später wieder ausgraben, aber seine Tochter wollte die Geschichten hören. Also kramte er erneut in seinen Erinnerungen, bis seine Tochter endlich einschlief.
Am nächsten Tag liefen die beiden weiter. Der Weg führte sie immer weiter in die Berge. Das Dinarische Gebirge war Dragan sehr gut bekannt. Sein Vater stammte aus der Gegend. Die Hütte, in der er jetzt mit Adela Schutz suchte, gehörte seit vielen Jahren der Familie. Ob das noch so war? Dragan wusste es nicht. Seine Eltern waren längst tot, sein Bruder fiel im Krieg. Dragan dachte kurz darüber nach, ob er jetzt der legitime Erbe und Besitzer der Hütte war, aber das war jetzt nicht wichtig. Da er nicht wusste, wohin er sonst gehen sollte, war die Hütte das einzige Ziel. Die Sonne schien, aber sie wärmte nicht mehr. Im November waren nicht nur die Nächte sehr kalt, sondern auch die Tage. Je weiter sie gingen, desto mehr spürte man jetzt auch die Kälte der Berge. Dragan trug seine Tochter jetzt wieder, die erneut mit ihren Kräften am Ende war. Gegen Mittag sah Dragan endlich die ersehnte Hütte. Ob sie noch intakt war? Als er davorstand, konnte er sein Glück kaum fassen. Der Schlüssel war noch genau an demselben Ort. Es gab sogar noch etwas Feuerholz, mit dem Dragan ein wärmendes Feuer machte. In der Küche suchte er nach etwas Essbarem, fand aber nichts. Adela schlief, die Wärme, das Bett und die alten Decken taten ihr sehr gut. Dragan nahm das alte Gewehr aus der Scheune, das noch dort lag. Er kontrollierte es und legte Patronen ein. Ob die noch in Ordnung waren? Sie mussten. Dann schloss er die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg nach etwas Essbaren. Es dauerte nicht lange, und er schoss einen Hasen, den er stolz zur Hütte trug. Dort weidete er das Tier aus, wie er es von seinem Vater gelernt hatte.
Adela wachte auf und sie ließen sich den Braten schmecken, auch wenn Dragan außer Salz und Pfeffer keine Gewürze fand. Das war nicht wichtig. Die Bäuche waren gefüllt und der Hunger verflogen.
„Wie es Mama und Amar wohl geht?“
Dragan wollte nicht darüber sprechen. Dann fiel ihm die Kette ein.
„Mama hat mir etwas für dich mitgegeben.“ Dragan legte dem Mädchen die Kette an.
„Aber die gehört doch Mama.“
„Sie hat sie dir geschenkt.“
Adelas Augen glänzten. Stolz besah sie sich das Medaillon, das sie kannte, seit sie denken konnte.
„Wie lange müssen wir hierbleiben, Papa?“
„Nur ein oder zwei Tage, dann gehen wir wieder nach Hause.“
Aber dazu kam es nicht.
Am späten Nachmittag des darauffolgenden Tages näherten sich sechs Männer mit Gewehren. Dragan bemerkte die kleine Gruppe zu spät, er konnte nicht rechtzeitig reagieren. Er bat Adela, sich unter dem Bett zu verstecken.
„Du rührst dich nicht, verstanden? Was immer auch passiert – du bleibst so lange unter dem Bett, bis ich dich rufe!“
Dann wartete Dragan ab. Die Männer klopften an die Tür, was ein gutes Zeichen war.
Zögernd öffnete er. Der Mann vor ihm hielt ihm einen Zettel unter die Nase, die ihn als Bevollmächtigten der neuen Regierung Kroatiens auswies.
„Papiere!“ Die Aufforderung war eindeutig.
„Ich musste fluchtartig mein Zuhause verlassen, die Papiere liegen dort.“
„Wie heißt du?“
„Dragan Mekić.“
„Du bist wo gemeldet?“
„In Livno.“
„Wo lebst du?“
„In Sturba.“
„Deinem Namen nach könntest du auch Kroate sein, aber dass du Mekić heißt, könnte auch eine Lüge sein.“
„Ich lüge nicht! Das ist mein Name, ich bin Bosnier.“
„Denkst du, ich bin dumm? Livno ist in Bosnien, das weiß hier jeder. Wir haben ein Problem, Dragan Mekić. Du bist Bosnier und du kannst dich nicht ausweisen. Das ist schlecht. Du musst mitkommen.“
„Das geht nicht, weil…“
Die Männer packten Dragan. Es war offensichtlich, dass sie nicht diskutieren wollten. Sie zerrten Dragan mit sich, der nur einen kurzen Moment hatte, um sich zu entscheiden. Sollte er diesen Männern sagen, dass seine kleine Tochter auch hier war? Er sah in die derben Gesichter der Männer, die zu allem entschlossen schienen. Nein, denen würde er seine Adela nicht anvertrauen. Spätestens heute Nacht, vielleicht auch morgen früh war er wieder zurück.
Aber das war ein Wunsch, der sich nicht erfüllte.
Die kleine Adela blieb allein zurück. Sie wartete auf ihren Vater, bis es dunkel wurde. Dann erst kroch sie aus ihrem Versteck. Sie legte sich ins Bett und wartete, wobei sie immer wieder einschlief. Sie aß die Reste des Bratens, bis es nur noch die Knochen gab, die sie hungrig wieder und wieder ablutschte.
Inzwischen waren drei Tage vergangen. Dragan versuchte gebetsmühlenartig den verschiedenen Personen, die ihn verhörten, seine Situation zu erklären. Aber niemand fühlte sich zuständig und man vertröstete ihn von einen auf den anderen Tag. Als Dragan nach über drei Wochen entlassen wurde, hatte sich die kleine Adela bereits schon vor zwei Wochen allein auf den Weg gemacht. Sie lief, wobei sie sich nach den Sternen richtete. Aber sie ging an zwei Tagen im Kreis, da es bewölkt war und regnete. Trotzdem fand sie irgendwann wieder zurück auf den richtigen Weg. Unterwegs schlief sie in Scheunen, stahl Eier und Milch von Bauern, bis sie schließlich tatsächlich zuhause ankam. Wie sie das geschafft hatte, blieb für alle ein Rätsel. Sie kochte, putzte, schlief in ihrem Kinderzimmer und sah immer wieder zum Fenster, da sie davon überzeugt war, dass ihr Vater zurückkam. Wo ihre Mutter und ihr kleiner Bruder waren, wusste sie nicht. Sobald ihr Vater zurück war, würde alles wieder gut werden.
Dragan kam zurück – ausgehungert und gebrochen. Man hatte ihn nicht nur verhört, sondern gefoltert und geschlagen. Die Zuständigkeiten wechselten während seiner Inhaftierung, es gab keine Struktur. Da er aber immer an seiner ursprünglichen Aussage festhielt, ließ man ihn schließlich gehen. Sein erster Weg führte ihn zur Hütte, aber dort war Adela nicht. Enttäuscht, voller Angst und Hoffnung machte er sich auf den Heimweg.
Dragan stand vor seinem Haus. Was ihn hier erwartete? Während des Weges träumte er immer davon, dass ihn seine Familie mit offenen Armen empfangen würde. Ob dem so war?
Unschlüssig stand Dragan einfach nur da und wartete. Er traute sich nicht, in das vermutlich leere Haus zu gehen oder dort vielleicht auch die Leichen seiner Familie zu finden. Was war inzwischen geschehen?
Die wildesten Geschichten gingen ihm durch den Kopf. Dann plötzlich öffnete sich langsam die Haustür und da war sie – seine kleine Adela war tatsächlich zuhause. Die beiden liefen aufeinander zu und hielten sich lange eng umschlungen. Dragan sah immer wieder in die Augen seiner Kleinen und konnte sein Glück kaum fassen.
„Wie bist du nach Hause gekommen? Wer hat dir geholfen?“
„Das habe ich ganz allein gemacht. Ich habe immer in den Himmel gesehen und bin den Sternen gefolgt. Kannst du dich an die Sternen-Geschichten erinnern? Du hast sie mir vorgelesen.“
„Ja, ich erinnere mich. Das hast du sehr gut gemacht, Adela, ich bin sehr stolz auf dich. Wo sind Mama und Amar?“
„Das weiß ich nicht, sie waren nicht da.“
Erst jetzt erinnerte sich Dragan daran, dass Adela nicht wusste, wo er die beiden versteckt hatte. Voller Panik lief er in den Keller. Die Fässer, Kisten und Teppiche standen noch genau so da, wie er sie aufgestapelt hatte. Hektisch schob er alles zur Seite. Dann schloss er mit zitternden Händen die Tür auf. – Und dort lagen sie. Mahira und der kleine Amar. Eng umschlungen hielten sie sich bis zuletzt aneinander fest. Dass sich ein bestialischer Gestank im Raum breit machte, bemerkte Dragan nicht. Er starrte nur auf die beiden Menschen, die bereits zu verwesen begannen. Schuldgefühle und Trauer nahmen Besitz von ihm. Was sollte er jetzt tun? Dann bemerkte Dragan die Spuren an den Wänden und der Tür. Mahira musste versucht haben, den Weg in die Freiheit freizukratzen, nachdem sie es nicht schaffte, gegen die schweren Gegenstände vor der Tür anzukommen. Einen Zweitschlüssel hatte sie, unter normalen Umständen hätte sie ihr Versteck problemlos jederzeit verlassen können. Aber so war das nicht möglich. Mahira war gefangen, aus eigener Kraft konnte sie sich nicht befreien. Dragan schrie laut. Er war es, der die Tür verbarrikadierte, nur wegen ihm konnte sich Mahira nicht befreien. Vor Dragans innerem Auge spielten sich Szenen ab, wie sie vermutlich stattgefunden hatten. Die beiden verhungerten elendig. Verzweifelt und auf sich allein gestellt hinter einer Mauer, die er selbst gebaut hatte und hinter einer Tür, die er selbst verschlossen und versperrt hatte. Dragan war überzeugt davon, dass nur er allein schuld am Tod seiner Frau und des gemeinsamen Sohnes war. Er war zum Mörder geworden.
Dragan bekam keine Luft mehr. Die Trauer um seine Frau und den Sohn, die Strapazen, der Hunger und die Misshandlungen der letzten Wochen waren zu viel für seinen Körper. Ein höllischer Schmerz machte sich in seinem Körper breit. Ein Schmerz, der kaum zu ertragen war. Er fasste sich ans Herz, holte noch einmal tief Luft und fiel einfach um. Alles Leben wich aus seinem Körper. Sein letzter Blick galt dem entsetzlichen Anblick der beiden Menschen, deren Leben er auf dem Gewissen hatte.
Adela stand in der Tür und sah ihren Vater sterben. Die Leichen ihrer Mutter und ihres Bruders starrte sie an. Sie verstand nicht, was passiert war und was sie jetzt tun sollte. Irgendwann war ihr klar, dass alle tot waren. Sie setzte sich neben die Leiche ihres Vaters, und zwar so, dass sie auch die Mutter und den Bruder sah. Sie nahm das Taschenmesser ihres Vaters an sich und hielt sich daran fest. Wie lange sie hier saß, wusste sie nicht, aber irgendwann kamen Nachbarn und nahmen sie einfach mit. Viele Stimmen riefen durcheinander, einige weinten auch. Adela war das egal. Weil ihre Familie tot war, wollte auch sie sterben. Aber das war ihr nicht vergönnt. Andere Menschen bestimmten, dass sie leben musste, auch wenn sie das nicht wollte. Adela beschloss, nicht mehr zu sprechen. Sie wollte stumm bleiben und sich am Leben nicht mehr beteiligen. Vielleicht ließ man sie irgendwann einfach in Ruhe und sie konnte ihrer Familie nachfolgen. Aber daraus wurde nichts. Sie wurde von einem Heim ins andere gereicht, bekam die unterschiedlichsten Therapien, bis eine Tante kam, die sie gegen ihren Willen mit nach Österreich nahm. Tante Selma war die Schwester ihres Vaters. Eine sehr herzliche Frau, die Adela optisch sehr an ihren Vater erinnerte. Selma gab alles, um Adela ein angenehmes Leben zu bereiten. Irgendwann fing Adela wieder an zu sprechen. Nicht viel, aber sie lernte, sich mit der neuen Sprache anzufreunden und sich verständlich zu machen. Adela arbeitete nach ihrem Schulabschluss in einem Hotel, wo sie schließlich eine Ausbildung begann und mit Bravour abschloss. Adelas Freundeskreis war nicht groß, aber die wenigen Freunde wussten nichts von ihrer Vergangenheit. Für sie war Adela eine junge Frau wie viele andere auch. Man war unbeschwert und alle waren glücklich. Viele Jahre lief alles gut, bis Tante Selma ernsthaft krank wurde. Dass sie Krebs hatte, wusste Selma, aber sie traute den Ärzten nicht und wollte sich nicht behandeln lassen. Das, was in ihrem Körper geschah, befand sie als von Gott gegeben und deshalb nahm sie die Krankheit mit allem, was dazugehörte, geduldig an. Sie spürte, dass es zu Ende ging. Es war Zeit, mit ihrer Nichte Adela zu sprechen, bevor es zu spät dafür war.
„Für mich ist es Zeit zu gehen. Weine nicht, meine Liebe. Uns waren nach diesem schrecklichen Krieg noch viele Jahre vergönnt. Wir hatten einander, wofür wir dankbar sein sollten. Ich sterbe in Frieden und gehe gern. Aus dir ist eine wunderschöne, selbstständige Frau geworden, worauf ich sehr stolz bin. Geh deinen Weg und schau nicht zurück.“
Adela weinte, zum ersten Mal seit damals.
„Du sollst doch nicht weinen. Ich habe noch etwas für dich, meine Adela“, übergab Selma die Besitzurkunde des Hauses mit dem Grundstück in Sturba. Dazu reichte sie einige Fotos. „Erinnerst du dich an dein Zuhause?“
Adela erschrak. Die Erinnerungen waren wieder präsent, als wäre es gestern gewesen. Bilder der toten Mutter und des kleinen Amar, deren Anblick schrecklich war und die sie kaum erkannt hatte, sowie die des Vaters, der vor ihren Augen starb, tauchten wieder auf. Bilder, die sie längst verdrängt hatte. Sie hatte sogar den Geruch, der von den beiden Toten ausging, wieder in der Nase. Ein Geruch, den sie nie vergessen würde.
„Das Haus und das Grundstück gehören dir. Ich habe die Raten all die Jahre bezahlt. Auf meinem Konto liegt genug Geld, um die Restschuld zu tilgen.“
„Du hast für das Haus immer bezahlt und mir nichts davon gesagt?“
„Wir hatten nie viel Geld, aber für die Raten hat es gereicht. Das ist deine Aussteuer, falls du einmal eine Familie gründen möchtest oder dir einen Traum erfüllen willst. Mach damit, was immer du willst, fühle dich zu nichts verpflichtet.“
Wenige Tage später war Selma tot. Die Beerdigung war beeindruckend, viele wollten sich von der Toten verabschieden. Adela saß drei Tage lang in der gemeinsamen Wohnung und dachte darüber nach, was sie jetzt tun sollte. Dann fiel endlich die Entscheidung. Adela verkaufte alles, worauf sie verzichten konnte, gab die Wohnung auf und machte sich auf den Weg nach Bosnien. Sie hatte das Geld, das Taschenmesser und das Medaillon ihrer Mutter, die Unterlagen und die Fotos, mehr brauchte sie nicht. Je näher ihr altes Zuhause kam, desto ruhiger wurde sie, worüber sie überrascht war. Die innere Unruhe, die sie all die Jahre begleitete, war komplett verschwunden, als sie nur noch zwei Kilometer von ihrer Heimat entfernt war. Eine Freude machte sich breit, die sie so nicht kannte – bis sie vor dem Elternhaus stand, von dem nichts mehr übrig war. Statt einem Haus mit den angrenzenden Scheunen stand hier ein riesiger Rohbau, der von Bauzäunen umgeben war. Baumaschinen machten einen Höllenlärm, Arbeiter sprachen und riefen durcheinander. Adela verstand die Welt nicht mehr. Was war hier los? Sie kontrollierte wieder und wieder, ob sie hier richtig war, aber sie war richtig. Hier stand früher ihr Elternhaus, hier wurden sie und ihr Bruder geboren und hier starben auch alle.
Statt einer friedlichen Zukunft in ihrem Elternhaus begann jetzt ein Kampf, mit dem sie nie gerechnet hätte – und der tödliche Spuren hinterließ…








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